Schnall dich!

von Fabian
Veröffentlicht am: 15.06.2004

    Was bewegt Menschen immer wieder dazu, ganz einfache Handgriffe, die vielleicht lebenswichtig sein könnten, nicht auszuführen? Obwohl sie nicht eingeklemmt war, starb sie trotzdem auf dem Weizenfeld. Der fehlende Handgriff wurde ihr zum Verhängnis.


Seit Ende April warte ich voller Vorfreude auf mein neues Auto, spätestens Mitte August wird es dann soweit sein, dass ich den Wagen abholen kann. Seit ich mich dazu entschlossen habe den Wagen zu kaufen, lese ich regelmäßig in einem dazu passenden Forum und informiere mich so über Stärken & Schwächen, Tipps & Tricks rund um den neuen Wagen. Ein Thema in diesem Forum lautet „Gurtalarm nervt“. Es ist so, dass dieser Wagen einen solchen Gurtalarm hat. Das bedeutet, dass es einen recht aufdringlichen Piepston gibt, sobald sich der Wagen in Bewegung setzt und jemand auf einem der fünf Sitze nicht angeschnallt ist. Dieses Geräusch wird nach kurzer Zeit noch mal aufdringlicher, wenn sich der/die jenige noch immer nicht anschnallt. Abzustellen ist es gar nicht. Nun schreibt also ein User dieses Forums seine grandiose Idee, wie man diesen nervigen Ton abstellen kann. Seine Idee ist, man sollte einfach eine "Dummy-Schnalle" einstecken und damit dem Wagen sein eigenes angeschnallt sein vortäuschen. Ergänzt wird dieser Beitrag von einem anderen schlauen Kopf, der die Meinung vertritt „auf Kurzstrecken ist anschnallen eh total überflüssig, ich werde dieses Warnsystem auf jeden Fall abstellen“.

Es ist Samstagabend gegen 20:45 als ich in eben diesem Forum ein wenig rumstöbere als plötzlich mein „Piepser“ auslöst und ich mit einer mehrköpfigen Gruppe zu einem "Verkehrsunfall mit vermutlich eingeklemmter Person“ alarmiert werde. Ich lasse alles stehen und liegen, laufe zu meinem Auto, schnalle mich an und fahre die paar hundert Meter zur Feuerwache – war das nicht auch eine Kurzstrecke und ich hätte mich eigentlich gar nicht anschnallen „brauchen“?!

Ich besetze mit zwei Kollegen das zweite Fahrzeug, was zu diesem Unfall ausrückt. Nach kurzer Einsatzfahrt mit Blaulicht und Martinshorn – diesmal war ich wirklich nicht angeschnallt, aber warum eigentlich nicht?! – kommen wir an der Unfallstelle an. Es sind schon ein Rettungswagen, zwei Polizeifahrzeuge und eines unserer Fahrzeuge vor Ort. Ein Kollege kommt auf unser Fahrzeug zugelaufen und beordert mich zu einem leicht verletzten Beteiligten: „Es ist keiner mehr eingeklemmt, kümmere dich bitte um den Mann dort hinten im Auto, er ist kreidebleich und schockig“, sagte er zu mir. Bei dem Mann angekommen, stelle ich fest, dass schon zwei Polizistinnen bei ihm sind und es ihm augenscheinlich recht gut geht. Ich schaue mich deshalb erstmal um, überall liegen Trümmer herum. Zwei Autos sind frontal zusammengestoßen, ein Wagen ist einen kleinen Hang hinuntergefahren und liegt seitlich in einem Feld, der andere steht quer auf der Fahrbahn. Aber zum Glück ist ja keiner eingeklemmt, noch mal gut gegangen – dachte ich zumindest.

angeschnallt
 © PHOTOCASE.DE
einfach nur anschnallen...
„Dich brauche ich jetzt, kommt mit!“, rief mir einer der Rettungsassistenten zu. Klar, denke ich, aber wofür braucht er mich? Ist doch alles glimpflich abgegangen hier. Ich gehe hinter ihm her, er steigt einen kleinen Abhang zu einem Weizenfeld hinauf und zeigt nach vorne. Ich erschrecke. Nicht, dass es das erste Mal wäre, dass ich einen Toten oder schwer verletzen Menschen sehe, aber mit dem was ich da sehe habe ich jetzt gar nicht gerechnet. Vor mir in einem Feld mit ca. 1,20 hohen Weizenehren liegt eine junge Frau in meinem Alter. Ich schaue mich sofort um und gucke auf die Straße. Dass muss ihr Auto sein, was dort gut zwanzig Meter weit weg von uns unten quer auf der Straße steht. Dann wird mir klar, dass sie nicht hierauf gelaufen ist, dass sie niemand hier her gelegt hat. Nein, sie ist durch die geschlossene Beifahrertür zwanzig Meter weit auf dieses Feld geschleudert worden. Sie war vermutlich nicht angeschnallt und liegt nun vor mir. Oberschenkelhalsfraktur links, Fußfraktur links, Trümmerbruch linker Arm, Rippenserienfraktur rechts, Spannungspneumothorax*, vermutlich einseitiger Lungenabriss wird der Notarzt wenig später sagen. Wir tun alles für diese junge Frau, doch noch am gleichen Abend erliegt sie ihren schweren Verletzungen im Krankenhaus. Noch an der Unfallstelle geht mir beim Betrachten des Autos der jungen Frau immer wieder der Begriff "Dummy-Schnalle" durch den Kopf. Sie hatte keine, sie hat sich einfach so nicht angeschnallt. Aber vielleicht hätte sie es getan, wenn ihr ein ständig piepsendes Geräusch nur lange genug auf die Nerven gegangen wäre... Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Forums-User mit dieser Idee seine Meinung noch mal überdenken würde, wenn er selbst nahezu hilflos mit ansehen müsste, wie eine junge 24-jährige Frau total entstellt qualvoll mit dem Tode ringt, bei naß/kaltem Wetter und Nieselregen auf einem Weizenfeld neben einer Bundesstraße in Richtung Autobahn.

Nach wahrer Begebenheit am 12.06.2004 irgendwo in Nordrhein-Westfalen.




Herzlichen Dank an Fabian vom Team SeiDu... für die Genehmigung diesen Text zu veröffentlichen.

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