Die Trauerfeier

(Friedhofgebäude und Kapelle vom Göppinger Friedhof)
Michael wurde in Göppingen auf dem Zentralfriedhof beigesetzt.
Michael hat sich mit mir öfter über den Tod unterhalten und so wußte ich daß er auf jeden Fall eine Feuerbestattung wollte. Ich hab mit seiner Mutter darüber gesprochen, und der Wunsch Michaels wurde dann auch akzeptiert.
Die Trauerfeier sollte etwas Besonderes werden, so besonders wie eben Michael war. Also nicht viel mit Kirche und Trauerorgel, sondern mit Michaels Musik. Musik war Michaels Leben, er konnte keine 5 Minuten ohne Musikberieselung sein. Britney Spears, N´Sync,Backstreet Boys.... und und und ....
Genau deshalb war es mir so wichtig, daß ich mit dem Pfarrer und der Friedhofsverwaltung vereinbaren konnte, daß zur Trauerfeier zwei Lieder die Michael ganz arg geliebt hatte, und die für uns eine wichtige Rolle spielten,in der Kapelle gespielt werden dürfen.
Nachdem ich der Meinung war, daß jemand der Michael gekannt hat, die Trauerrede halten soll, war das für mich überhaupt keine Frage: Egal wie, aber ich werde diese Rede halten.
Ich habe die Rede mit Michael "zusammen" geschrieben. Ich stand in dem Zimmer wo Michael am Tag der Trauerfeier aufgebahrt wurde, morgens um 7.30 Uhr. ( Er lag aufgebahrt in den Gebäude oben auf dem Foto) Michael lag in seinem Sarg in blaue Decken gehüllt (ich wollte das so, schön bunt, eben wie Michael war. Ich steckte ihm seinen Teddy- Bär unter den Arm hielt seine Hände und weinte. Nachdem ich mich ein wenig gefasst hatte, sagte ich: "So mein kleiner Knuddy jetzt müssen wir hier aber noch was schreiben." Mir sind in diesem Moment so viele Dinge eingefallen die Michael mir erzählt hat, manches mal musste ich sogar in Gedanken lachen.
Immer wenn ich ein wenig kritischer schreiben wollte spürte ich seinen Atem in Gedanken als wenn er sagen wollte: Ach Markus, so kannst du das doch nicht scheiben.
Ich habe den Text wirklich sehr oft geändert aber mein Gedanke war eben der, was soll schon ein Pfarrer der Michael vielleicht vor Jahren bei der Kommunion gesehen hat, schon über ihn erzählen ??
Oder seine Angehörigen, die so gut wie nichts über Michaels Leben wußten. Sie kannten doch nur seine Scheinwelt, die er zum Schutz aufbaute.
Nun ich habe Michael versprochen dass ich immer für ihn da sein werde und genau das wollte ich tun.
Ich spielte beim Eintreten der Trauergäste in die Kapelle das Lied " I will always love you" von Whitney Houston...es war überwältigend wie toll das Lied in der Kapelle klang. (Michael hat das bestimmt gefallen, er hätte bestimmt mitgesungen)
Dann begann ich meine Trauerrede:
Liebe Trauergäste, liebe Eltern,liebe Großeltern,
ich habe mir sehr lange und sehr gut überlegt was ich heute sagen möchte.
Ich habe die letzten Tage mit Wut,Verzweiflung aber auch mit unendlichem Leid und Trauer erlebt.
In jedem Wort das ich hier aufgeschrieben habe, spürte ich Michaels Wohlwollen
Kritik aber auch ab und an kritische Blicke.
Ich wurde mir aber auch bewußt, daß ich nicht Richter bin und es mir nicht zusteht über irgendjemanden zu urteilen.
Michael und ich durften die letzten 2 Jahre zusammen verbringen.
Er liebte mich mit all meinen Ecken und Kanten.
Und auch ich liebte ihn mehr als alles andere auf der Welt.
Ich habe Michael als sehr nachdenklichen, traurigen und Suchenden kennengelernt.
Er suchte nach Geborgenheit, nach Liebe , Verständnis und einem starken Arm zum Anlehnen.
Ich weiß nicht in wie weit sie wußten daß Michael homosexuell war.
Er hat sich hier in Goppingen auf Grund von Hänseleien in der Schule , Erpressungen und Mißhandlungen nie getraut sich bei allen zu outen.
Nachdem er vor etwas über zwei Jahren aus diesem Grund zusammengeschlagen wurde - war sein Selbstvertrauen am Boden.
Danke denen, denen er sich anvertrauen konnte.
In dieser Zeit lernte er mich kennen. Ich vermittelte ihm immer wieder daß er sich deswegen nicht schämen muß.
Michael hat sehr lange gebraucht dieses Selbstbewußtsein wieder aufzubauen.
Er lernte mein Umfeld kennen, meine Freunde und meine Mitarbeiter....und alle akzeptierten ihn so wie er war.
Später als wir eine Wohnung für ihn suchten, er in den Kreis Calw zog, war er so weit, daß er niemanden mehr irgendwelche Geschichten erzählen mußte -- von wegen er habe eine Freundin oder so.
Selbstbewußt sagte er : Ich bin schwul und Markus ist meine große Liebe-- das tat soo gut.
Er finge jetzt gerade erst an richtig zu leben.
In seiner Ausbildungsstelle bei seinen Arbeitskollegen fühlte er sich soo wohl, dafür möchte ich mich ganz arg bei Euch bedanken.
Auch möchte ich mich bei Uli bedanken, den ich leider erst nach Michaels Tod kennen lernen durfte. Er war so das Ventil wo Michael sich aussprechen konnte, wenn er Probleme mit mir hatte.
Michael war so großzügig, hatte ein riesengroßes Herz, selbst wenn er nichts hatte teilte er das noch mit seinen Freunden.
Ich möchte auch euch liebe Eltern sagen,
so oft Michael auf euch geschumpfen hat, er hat euch beide sehr lieb gehabt.
Michael war nie einer der geklagt hat, man mußte ihm alles aus der Nase ziehen und seine Hilfe aufzwingen.
Liebe Trauergäste,
Michael war immer auf der Suche nach der großen Liebe, nach Geborgenheit und Zärtlichkeit.
Er hat sicherlich einen großen Teil davon bei uns in Calw gefunden.
Ich möchte auch im Namen von Michael noch danke sagen :
- meinen ganzen Freunden die Michael aufgenommen haben und mir versucht haben Trost zu spenden
- Frau Reinhart und Tochter für die nette Unterstützung daß Michael die Wohnung im Haus bekam
- André -- der es sicherlich nicht immer leicht gahabt hat mit mir
- meinen Arbeitskollegen aus Mannheim, die Michael so geliebt haben wie er war
- dem Friseursalon Asprion -- wo Michael sich so wohl gefühlt hat
und nicht zuletzt seinen Eltern die mir ermöglicht haben alles zu organisieren und für Michael bis zum Schluß da sein zu dürfen.
Ich danke euch allen, und vor allem Michael für die letzten zwei Jahre
Sie hören nun noch ein Lied , daß Michael und mir sehr viel bedeutet hat.
Dankeschön
Nach dieser Rede spielte ich noch ein sehr wichtiges Lied für Michael : "Wenn das Liebe ist" von der Gruppe Glashaus. Ich denke kein Lied der Welt hätte besser zum Ausdruck bringen können, was ich fühlte.
Danach sprach dann noch der Pfarrer seinen Standardtext wie es wohl üblich war, in der katholischen Kirche.
Viele der Trauergäste waren so bewegt und ich denke es war richtig die Trauerfeier so zu gestalten wie Michaels es gewollt hätte.
Es war nicht einfach vor den Leuten in dieser Situation zu sprechen, aber ich bin heute sehr froh, daß ich das getan und vor allem durchgestanden habe.
Markus

In ewiger Liebe ...Markus
(Danke an einen guten Freund ( Piet) der das Grabgesteck nach meinem Wunsch angefertigt hat)